Nov 272012
 
Jürgen Ertelt, ijab/youthpart, Foto: G. Jorczyk, Grimme-Institut

Jürgen Ertelt, ijab/youthpart, Foto: G. Jorczyk, Grimme-Institut

Die ePartizipationsdebatte füllt mittlerweile Bücherregale, wird in Blogs fortgeführt und auf Podien verbal verhandelt. Dr. Stephan Eisel, Projektbeauftragter der Konrad-Adenauer Stiftung für „Internet und Demokratie“, und Jürgen Ertelt, Medienpädagoge und Koordinator des Projekts “youthpart”, einer Initiative von Dialog Internet in Trägerschaft des IJAB, der Fachstelle für internationale Jugendarbeit e.V., hatten sich also einiges vorgenommen für ihre Debatte zum Thema “teilhaben” am Tag der Medienkompetenz im Landtag NRW.

In einer Demokratie muss sich ein Medium oder ein Kommunikationsraum, wie das Internet, immer daran messen lassen, inwieweit es Beteiligung ermöglicht oder begrenzt. Und hier fiel das  „nüchterne“ Urteil Stephan Eisels eher zurückhaltend aus; er konnte die Interneteuphorie vieler nicht teilen. Das Internet berge eben Chancen und Risiken und die gelte es gleichermaßen in den Blick zu nehmen, was er in  zwölf Thesen versuchte (siehe hierzu auch den Artikel von Natalie Dayekh von der Jungen Presse e.V.).

Ertelt räumte deren Richtigkeit durchaus ein, kam aber – vielleicht seiner Profession entsprechend – zu ganz anderen Konsequenzen, gerade mit Blick auf die (politische) Beteiligung Jugendlicher. Dabei ständen wir erst am Anfang veränderter sozialer Beziehungen und Kommunikationsprozesse durch das Internet – angefangen von der Pflege von Freundschaften bis hin zum Einkaufsverhalten. Es gehe darum, Digitales und Analoges sinnvoll miteinander zu verquicken, um eine demokratische(re) Beteiligungskultur zu etablieren, so Ertelt. Und weiter: „Ich glaube daran, dass man über ePartizipation Benachteiligungen ausgleichen kann, daher plädiere ich für eine bessere Gestaltung der Rahmenbedingungen.“ Bisherige Beteiligungsmodelle brächten vielfach Ausschlüsse und Limitierungen mit sich, wie in Eisels Thesen beschrieben. Dabei hätten gerade die sozialen Online-Medien das Potenzial, Artikulationsschwierigkeiten auszugleichen, so seine Überzeugung. Man denke hier an die gewachsenen Ausdrucksmöglichkeiten mittels Podcast, Webvideo usw. – idealerweise natürlich barrierefrei.

Bedingungen für gelingende ePartizipation sind aus Ertelts Sicht (unter anderem, siehe hierzu ausführlicher: www.ijab.de):

  • Der politische Wille ist erkennbar, dass Ergebnisse der ePartizipation auch berücksichtigt werden: Tatsächliche Entscheidungsoptionen, kein Partizipations-Placebo
  • Es gibt einen Grund für ein ePartizipationsverfahren.
  • Qualifizierte Informationen liegen vor, möglichst adressatengerecht aufbereitet.
  • Es gibt eine Transparenz des Verfahrens, Ansprechpartner sind klar und damit auch mögliche Interessenslagen.

Was tun?

Unterstützung bedeuten auf diesem Weg Maßnahmen zur Medien- aber auch zur Demokratiekompetenzförderung, so Ertelt. Jugendliche müssen lernen, selber aktiv zu werden, mediale Inhalte selber zu produzieren, im Sinne einer praktischen, politischen Teilhabe. Und am Ende ist es dann immer auch eine Bildungsfrage. Weitere Erfahrungen gelte es mit ePartizipationsverfahren zu sammeln, so Ertelt, er persönlich entwickle gerade die Adhocracy-Software im Rahmen seiner Projektarbeit zu diesem Zweck für Jugendliche weiter.

Dr. Stephan Eisel, KAS/Projekt "Internet und Demokratie", Foto: G. Jorczyk, Grimme-Institut

Dr. Stephan Eisel, KAS/Internet und Demokratie, Foto: G. Jorczyk, Grimme-Institut

In der anschließenden Diskussion verdeutlichte Eisel noch einmal die seines Erachtens teils prekäre Ambivalenz des Internets: Dass es nichts vergisst, sei für die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungsprozessen vorteilhaft, untergrabe aber demokratische Grundprinzipien wie geheime Wahlentscheidungen. Hier komme die medial ermöglichte Transparenz an ihre Grenzen, wobei Transparenz auch manchmal eine Überfülle an Informationen nach sich ziehe, die die rationale Entscheidsfindung häufig unmöglich machen.

Und WDR.de twitterte (#TdM12) aus der Debatte: „Beide Experten sind überhaupt nicht damit zufrieden, wie Bürgerbeteiligung bei Bürgerhaushalten umgesetzt wird.“

Letztlich geht es wohl um einen starken oder schwachen Beteiligungsbegriff – „schwach“ im Sinne von informiert werden und sich im Vorfeld von Entscheidungsprozessen in die Diskussion einzubringen, oder „stark“ im Sinne von an Entscheidungen teilhaben können. Während Ertelt der Meinung ist, dass zumindest gegenwärtig eine „schwache“ Beteiligung der Maßstab des Möglichen sei – unterstützt von MdL Matthi Bolte (Grüne) aus dem Publikum – räumte er mit Blick auf die „starke“ Form der Beteiligung ein: „Für das Mitentscheiden haben wir aktuell einfach noch nicht die Software.“

Am Ende zeigte sich eine hohe Übereinstimmung in der Diagnose, aber stark abweichende Meinungen in der Interpretation: Während Dr. Eisel eine „nüchterne“ – keine „skeptische“, wie er gegenüber Moderator Friedrich Hagedorn vom Grimme-Institut betonte – Position einnahm, versuchte Ertelt, die Potenziale der ePartizipation hervor zu kehren, die neue Beteiligungsmöglichkeiten offerieren könnten. Eine demokratische Beteiligungskultur, und darin waren sich die Beteiligten wiederum einig, erfordere daher noch viele weitere Diskussionen und Anstrengungen: auf Seiten der Mediennutzer genauso wie auf Seiten der Vermittler von Medienkompetenz und nicht zuletzt auch der politischen Akteure.

 

 

 

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  Eine Antwort zu “Zwischen „nüchterner“ Betrachtung und Chanceneröffnung: Debatte „teilhaben“”

  1. […] (Partizipation und Teilhaben waren ein zentrales Thema auf dem Tag der Medienkompetenz.) […]

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