Okt 112012
 

Von links: Dr. Thomas Hambüchen (Drogenhilfe Köln), Anne Kreft (Drogenhilfe Köln, Fachstelle Suchtprävention) mit netbag, MdL Brigitte Dmoch Schweren, Markus Wirtz (Drogenhilfe Köln, websucht.info), Christine Abke (Drogenhilfe Köln, ESCapade), Frauke Jacobsen (Staatskanzlei NRW), Lars Gräßer und Dr. Harald Gapski (beide Grimme-Institut)

Die Familie hat in der Medienkompetenzförderung eine Renaissance erlebt. Dafür stehen Projekte auf Landesebene, die gezielt mit der Zielgruppe Eltern arbeiten, oder auch Projekte auf Bundesebene, wie das Projekt „ESCapade“. Seit 2010 wendet(e) sich „ESCapade“, das von der Drogenhilfe Köln angeboten wird, an Familien mit Kindern zwischen 13 und 18 Jahren, bei denen die Computernutzung zum Problem geworden ist.

MdL Brigitte Dmoch-Schweren hat sich bei ihrer Aktion vor Ort am 11. Oktober darüber informiert, wie im Rahmen von „ESCapade“ Präventionsarbeit in und mit Familien geleistet wurde (Das Projekt läuft zum Jahresende aus). „ESCapade“ darf aber nicht als „reine Vorbeugungsmaßnahme“ missverstanden werden, eine Intervention erfolgte durchaus, nur eben keine Therapie: Projektziel war bzw. ist die Reduzierung der psychosozialen Folgeerscheinungen des Computernutzungsverhaltens sowie der erlebten Belastung für alle Familienmitglieder. Denn in Familien mit Jugendlichen, die ein problematisches Nutzungsverhalten aufweisen, sind Konflikte an der Tagesordnung. Anne Kreft, Leiterin der Fachstelle konkretisiert: „Das Kind sollte buchstäblich noch nicht in den Brunnen gefallen sein, Abhängigkeitserscheinungen waren eher ein Ausschlusskriterium für die Teilnahme. ESCapade richtete sich an Familien, in denen die exzessive Computernutzung zum Problem geworden ist.“

Diagnosen

Laut JIM-Studie ist der Computer seit 2011 das wichtigste Alltagsmedium von Jugendlichen. Sogwirkung entfalten hier eine Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten – wohl kaum ein Medium ist in der Lage, derart flexibel an die natürlichen Bedürfnisse wie Spaß, Entspannung, Ablenkung, aber auch Erfolg, Anerkennung oder das Gefühl des „Gebraucht-werdens“ anzuknüpfen, je nachdem ob Online-Computerspiele oder soziale Online-Netzwerke im Mittelpunkt stehen. Für die Präventionsarbeit ist der mediale Unterschied jedoch weniger entscheidend: Die Konsequenzen sind ähnlich, ergo verfährt die Intervention im Falle von „ESCapade“ ähnlich. Der mediale Unterschied ist in der Therapie dann bedeutsamer.

Und wann ist Vorsicht geboten? Wenn die Computernutzung – egal zu welchem Zweck – anfängt, kompensatorisch zu werden. Das kann in einem Fall bei zwei Stunden beginnen, in anderen Fällen deutlich mehr sein. Und dann spielt der Leidensdruck eine Rolle – die Diagnose „Abhängigkeitsverhalten“ ist komplex.

MdL Brigitte Dmoch-Schweren (SPD-Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien)

MdL Brigitte Dmoch-Schweren (SPD-Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien)

Schwierigkeiten und Erfolge

Nicht ganz so komplex, in der Praxis aber durchaus schwierig: Komplette Familien waren bei „ESCapade“ angesprochen, wobei eine beachtliche „Durchhaltequote“ von 87,7 Prozent erzielt wurde. 65 Familien mit 85 Jugendlichen und 110 Elternteilen nahmen teil – aus Berlin, Freising, Köln, Lörrach und Schwerin. Das Programm gliederte sich hierbei in vier Module: Clearinggespräch, Erstgespräch mit der Familie, Familienseminartag und drei individuelle Familiengespräche.

Anne Kreft (Drogenhilfe Köln, Fachstelle Suchtprävention)

Anne Kreft (Drogenhilfe Köln, Fachstelle Suchtprävention)

Ergebnis(se): Die Jugendlichen hatten nach der Teilnahme seltener das Gefühl, zu viel bzw. zu lang oder auch gegen ihren Willen online gewesen zu sein; sie waren seltener mit ihren Online-Aktivitäten „offline“ gedanklich beschäftigt bzw. fühlten sich seltener „offline“ schlecht, was insgesamt zu einer Steigerung der Lebensqualität – der Jugendlichen und der Familie – beigetragen hat. Dabei nicht unwichtig: Gerade auch das Problemlöseverhalten hatte aus Sicht der Jugendlichen in vielen Familien profitiert.

„Ein toller Erfolg“, so MdL Brigitte Dmoch-Schweren, den Dr. Thomas Hambüchen, Gesamtleiter der Drogenhilfe Köln e.V., gerne jetzt auf NRW Ebene fortsetzen möchte. Ein Antrag ist bereits gestellt. Dass die Computersucht noch nicht als Krankheit anerkannt wurde, ist dabei kein Problem für ihn bzw. nicht in diesem Falle: „Die Anerkennung hat kaum Auswirkungen auf die Präventionsarbeit, denn diese müssen wir sowieso leisten. Sie reagiert auf ein Problem in Familien. Die Anerkennung ist nur wichtig für die Therapie. Wenn die Probleme in den Familien Überhand nehmen, haben wir allerdings ein Problem; ein Verteilungsproblem. Dann müssen wir entscheiden: Wer macht was?“

Buch und Test

Wiedersehen geplant am 26. November beim Tag der Medienkompetenz im Landtag NRW

Wiedersehen geplant am 26. November beim Tag der Medienkompetenz im Landtag NRW

Und wie ist es mit Manfred Spitzer, der in seinem Buch „Digitale Demenz“ immer wieder auf die Sogwirkung des Computers verwiesen hat und ihn am liebsten ganz, in jedem Fall für Jugendliche verbieten möchte? Hilft oder schadet er? „Es ist nur ein Buch. Keiner, den es betrifft, wird es lesen. Seine Medienpräsenz hilft uns lediglich in der Öffentlichkeitsarbeit. Und bei den Kostenträgern setzt es das Thema auf die Agenda,“ so Dr. Hambüchen.

Ins Grübeln gekommen? Denen, die mehr über sich und mögliche Gefährdungsmomente erfahren möchten, sei ein Online-Test empfohlen, den die Drogenhilfe Köln entwickelt hat. Und sicher einen Besuch des Tags der Medienkompetenz im Landtag NRW.

Die Kölnische Rundschau berichtet „Neues Projekt ESCapade zeit Wege aus der Online-Sucht“

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