Okt 052012
 

v.l.n.r: Frauke Jacobsen (Staatskanzlei NRW), Hans-Joachim Klein (Justizministerium NRW), MdL Walburga Benninghaus (SPD), Edwin Pütz (Vollzugsleiter JAA Düsseldorf) und Jens Kronenberg (JAA)

Eigentlich ist die Jugendarrestanstalt Düsseldorf (JAA) ein Ort ohne Medien: kein Handy, kein Mp3Player, kein Internet – „nur Bücherentzug, den gibt es nicht“, erklärt Vollzugsleiter Edwin Pütz. Wenn die jugendlichen Arrestanten zwischen 14 und 21 Jahren, die in der JAA Düsseldorf maximal vier Wochen einsitzen mit ihrer Familie kommunizieren wollen, müssen sie Briefe schreiben. Auch Medienkompetenzförderung findet eigentlich an anderen Orten statt. Trotzdem besucht Walburga Benninghaus, Landtagsabgeordnete aus dem Düsseldorfer Süden (SPD), die Jugendarrestanstalt Düsseldorf im Rahmen des Projekts Tag der Medienkompetenz. Denn hier entstand die Idee zum Projekt Podknast.

Wie es zu „Podknast“ kam …

In ebenso einer Kaffeerunde, wie seine Gäste bei der Aktion vor Ort in einem Pausenraum der JAA sitzen, hätten er und ein Referendar die Idee gehabt mit den Jugendlichen Podcasts für das Internet zu produzieren, beschreibt Pütz den Anfang des Projekts im Jahr 2008: Natürlich musste auch ein knackiger Titel her, denn „www.audioaufnahmen-aus-der-JAA-Duesseldorf.de, das hätte sich ja keiner angehört.“ Hans-Joachim Klein Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Justizministerium NRW, der von Anfang an an der Projektentwicklung beteiligt war, ist stolz darauf, dass heute in insgesamt acht Anstalten in Nordrhein-Westfalen Audio- und Videobeiträge für www.podknast.de von jugendlichen und mittlerweile auch erwachsenen Strafgefangenen produziert werden. In manchen Anstalten gäbe es sogar Wartelisten für die Podknastgruppen, in denen die Gefangenen am gesamten Produktionsprozess von der Idee über das Drehbuch bis zu Regie und Schnitt beteiligt sind. Die Inhaftierten lernen also tatsächlich einen Film zu produzieren. Eine Podknast-Folge aus dem Mädchenvollzug in Köln erzählt zum Beispiel, wie eine Inhaftierte zu spät von ihrem Ausgang zurückkehrte. Das Mädchen hat sich selbst gespielt und damit ihr Fehlverhalten reflektiert: „Das ist toll, mehr kann man gar nicht wollen“, so Klein.

Vollzug zeigen „wie es wirklich ist“

Bei den Videos und Podcasts gehe es aber in keinem Fall darum „Potemkinsche Dörfer“ zu zeigen, Zensur wird nicht ausgeübt, versichern Pütz und Klein. Im Gegenteil: Auch Drogen und Gewalt im Knast werden bei Podknast thematisiert. Das sei sowohl von den Beteiligten als auch von den jeweiligen Anstaltsleitern, die letztendlich für die Inhalte verantwortlich sind, sehr mutig, findet auch Walburga Benninghaus. Bei Podknast geht es neben Aufklärung über die Realität des Vollzugs darum, dass sich die Gefangenen sich mit ihrem eigenen Schicksal auseinandersetzen. Er sehe seine Anstalt als „pädagogisch-juristische Intensivstation“, verdeutlicht Pütz. Hier sei der Ort für die Jugendlichen zu erkennen, wer für ihre Situation verantwortlich ist und was sie wirklich empfinden. Die Audios seien das richtige Medium dafür; oft höre er von den beteiligten Jugendlichen „Jetzt, wo ich darüber nachdenke…“. Podknast mache es den Arrestanten möglich, den Wendepunkt, an dem sie sich befinden zu erkennen; manchmal auch unter Tränen aber immer „so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.“ Von der Authentizität und den Gefühle, die die Jugendlichen in den Podcasts preisgeben, ist auch Walburga Benninghaus sehr beeindruckt. Sie empfindet es nicht als Manko, dass in der Arrestanstalt aufgrund der wenigen Zeit, die die Jugendlichen dort verbringen, nur Audio-Podcasts aufgenommen werden: „Die Sprache wirkt! Das wäre auch etwas für’s Radio.“

„Ihr da draußen hört gut zu – we have a message for you and that’s true!“

Die jugendlichen Arrestanten beim Einsprechen ihrer Texte

Ihre Wirkung verfehlen auch die Texte der Jugendlichen nicht, die an diesem Tag zusammen mit Jens Kronenberg (Vollzugsbeamter in der JAA Düsseldorf) einen neuen Podknast-Beitrag einsprechen. Um sie nicht zu beeinflussen hören Frau Benninghaus und die Projektverantwortlichen bei der Aufnahme im improvisierten, aber technisch neu ausgestatteten „Studio“ der JAA nur zu, was die drei Jungs über ihre Zukunftswünsche zu erzählen haben: Ein Job, eine zweite Chance mit der großen Liebe, dem eigenen Kind ein Aufwachsen in Frieden ermöglichen. Die Texte für den Sprechgesang hatten sie am Tag zuvor geschrieben; für einen von ihnen ein Leichtes: Er habe schon seitenweise solcher Texte geschrieben, es sei quasi sein Hobby. Aber auch die anderen schaffen es mit den wenigen Zeilen ihre Gefühle auszudrücken, was alle Anwesenden nachhaltig beeindruckt.

Podknast – live aus der Zelle im Landtag NRW

Der Podknast-Beitrag, der bei der Aktion vor Ort mit Walburga Benninghaus entstand, wird beim Tag der Medienkompetenz am 26. November 2012 gemeinsam mit Videos aus anderen Anstalten präsentiert werden. Hierfür wird aktuell eine originalgetreue Zelle gebaut, die in den Landtag transportiert wird. Vom Tag der Medienkompetenz erhoffen sich sowohl Edwin Pütz und Hans-Joachim Klein als auch Walburga Benninghaus noch mehr Aufmerksamkeit für das Projekt, dass das sie gerne auch in andere Bundesländer exportieren würden. Dass Projekte wie diese aber letztendlich vom Engagement der einzelnen Beteiligten wie Jens Kronenberg, der sich auch um die Aufbereitung der Aufnahmen kümmert und die Jugendlichen anleitet, wurde zum Abschluss noch einmal deutlich.

 Veröffentlicht von

Kommentare sind derzeit nicht möglich.